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MITTELBUCHEN-ONLINE vom 25. September 2018 Hat sich der Bau der Windräder gelohnt? Diskutiert wird trotz Energiewende noch kontrovers
Fast neun Jahre ist es nun schon her, als Mittelbuchen in gewissem Sinne im Ausnahmezustand war. Der Streit um den Bau der Windkraftanlage auf dem Galgenberg rief viele auf den Plan, um gegen dieses Vorhaben zu protestieren. Die Befürworter argumentierten entsprechend dagegen – und der Windpark wurde nicht zuletzt auf Grund der von der Bundesregierung eingeleiteten Energiewende gegen den Protest aus weiten Teilen der Bevölkerung Mittelbuchens und Schönecks gebaut. Jedoch wie sieht es heute aus? Wer hatte Recht? Ist unsere Lebensqualität dahin und rechnet sich die Anlage überhaupt? Nun, um es kurz machen - es ist wie bei jeder Diskussion, der verschiedene Standpunkte zugrunde liegen: die Antworten variieren je nach dem, wen man fragt. Jeder kann mit Nachdruck ein Bild zeichnen, das ihm scheinbar Recht gibt. Daher hier mal ein Versuch, die aktuelle Situation ein wenig objektiv zu hinterleuchten. Fakt ist: die Energiewende wird kommen. Fossile Brennstoffe werden immer teurer und der Atomausstieg bis 2022 ist beschlossene Sache. Die Windenergie wird als wesentlicher Baustein der Energiewende gesehen. Die Liste der Bedenken vor dem Bau der Anlage auf dem Galgenberg war lang. Jedoch was hat sich bewahrheitet? Wie belastend sind denn nun die Blendeffekte der Rotorblätter, deren Schattenwürfe und der Lärm, den ein Windrad erzeugt? Es hängt natürlich sehr davon ab, wo man wohnt, also welche Nähe man zu den Windrädern hat. Die Angst vor den Blendeffekten und Schattenwürfen war wohl eher unbegründet, Geräusche hingegen sind da. Besonders die Anwohner im Nordwesten Mittelbuchens sind bei „guten“ Windverhältnissen durchaus dem Rauschen der Windräder ausgesetzt. Es ist zwar sehr individuell, wie störend dies empfunden wird, aber das Argument hatte im Nachhinein durchaus seine Berechtigung. Ein weiteres Argument der Windradgegner war, dass bundesweit über 100.000 Vögel im Jahr den Rotorblättern zum Opfer fallen würden. Die Erfahrungen und die Bestandsaufnahmen zeigen aber, dass zwar tatsächlich ab und an größere, teilweise leider auch selten gewordene Greifvögel mit den Rotorblättern kollidieren, dass die genannte Zahl jedoch etwas zu hoch angesetzt war und auch in keinem Verhältnis zu vielen anderen Bedrohungen der Vogelwelt steht. Erhebungen zufolge sterben in Deutschland über 18 Millionen Vögel jährlich an Glasscheiben und fast jede Hauskatze, die wir ja so sehr lieben, tötet pro Jahr mehr Vögel als ein Windrad - und nicht nur Milan und Habicht sind schützenswert, sondern auch Rotkehlchen und Blaumeise. Hinzu kämen als Bedrohungen noch der Schwerlastverkehr, die Bahn, Stromtrassen, Agrargifte und einiges mehr. Natürlich ist jeder durch Menschenwerk getötete Vogel zu viel, aber in Verbindung mit Windrädern wird dieses Argument nicht der Verhältnismäßigkeit gerecht. Das Hauptargument der Bürgerinitiative war seinerzeit aber die Zerstörung des Landschaftsbildes und hier gibt es wenig Entkräftendes. Die Natur auf dem Galgenberg und auf dem gegenüber gelegenen Gelben Berg wird nachhaltig beeinträchtigt durch die 190 m hohen Stahlkolosse, die Mittelbuchen überragen. Aber hat es sich denn energiewirtschaftlich gelohnt? Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ist die Windkraft auf einem guten Weg. Entgegen früherer Prognosen amortisiert sich die Energie, die zur Herstellung eines Windrades eingesetzt wird, bereits nach weniger als neun Monaten. Allerdings darf man sich von diesem Postulat nicht den Blick verwässern lassen. Man muss in die Rechnung noch die Komponenten Planung, Transport, Inbetriebnahme, Wartung, Reparaturen, Landpacht und ehrlicherweise auch die „nicht wirtschaftlichen“ EEG-Zulagen mit aufnehmen. Unter dem Strich weisen nach neun Jahren nur ganz wenige Anlagen ein betriebswirtschaftliches Plus auf - die meisten sind noch defizitär. Die Lebensdauer eines Windrades liegt aber bei 25 bis 30 Jahren und nach einer solchen Zeitspanne sieht es wieder etwas anders aus, da sich die hohen Anfangskosten entsprechend verteilen und man ist in Fachkreisen der Überzeugung, dass sich die Windkraft langfristig doch rechnet. So vertritt das Fraunhofer-Institut für Windernergie und Energiesystemtechnik den Standpunkt: „Wenn es mit der Entwicklung der Windenergie weitergeht wie von der Bundesregierung geplant, wird Windstrom in 15 Jahren insgesamt billiger sein als fossile Energieträger, selbst dann, wenn der Preis fossiler Brennstoffe in Zukunft stagniert“. Das größte Problem der regenerativen Energien ganz allgemein ist zweifelsohne die Steuerung des Energieflusses und die Speicherung der Überschüsse. Für die Versorger ist der so genannte „Zappelstrom“ noch zu unberechenbar. Die völlig willkürlich angelieferte Strommenge ist abhängig von Wind und Wetter und nicht vom Bedarf. Fossile Kraftwerke können dann nur moderat und nicht der regenerativen Stromerzeugung entsprechend heruntergefahren werden, da ansonsten das erneute Hochfahren des Kraftwerks mehr Energie verbrauchen würde, als man einspart. Hier liegt noch großer technologischer Weiterentwicklungsbedarf. Der absolute Durchbruch für die regenerativen Energien wären kostengünstig und weniger umweltbelastend herstellbare Speicher, die diesen Strom kontrollieren und bei Bedarf verfügbar machen. War es bis hier eine möglichst objektive Bestandsaufnahme, so möchte ich darauf hinweisen, dass der Bericht ab hier subjektiv wird. Ein ganz persönliches Fazit: Die Windenergie rechnet sich noch nicht, ist aber auf einem guten Weg dort hin. Wir leben auf einem Planeten, der aufgrund immenser Umweltbelastungen durch den Menschen in großer Gefahr ist, irgendwann unbewohnbar zu werden. Die gesundheitsschädlichen Abgase aus fossilen Kraftwerken – besonders Stickoxide und Quecksilber – fordern zudem laut Greenpeace in Deutschland schon jetzt jährlich 3.000 Todesopfer und verursachen Krankenkosten von sechs Milliarden Euro. Und die Uhr tickt unaufhörlich. Die Max-Planck-Gesellschaft postuliert, dass wir in 30 Jahren an eine Grenze stoßen werden, deren Überschreitung für uns katastrophale Folgen haben könnte. Wir müssen das versuchen abzuwenden! Fehler haben wir genug gemacht. Was wir mit dem atomaren Müll der Kernkraft unserer Nachwelt hinterlassen haben, ist eigentlich unverantwortlich und bei Halbwertzeiten von 25.000 Jahren und mehr wird man möglicherweise irgendwann fragen, was wir uns dabei gedacht haben. Die Windenergie kann für sich allein gesehen sicherlich nicht die einzige Lösung des Problems der zukünftigen Energieversorgung sein, jedoch wird die Nutzung der Windkraft im Energiemix der Zukunft weltweit eine entscheidende Rolle spielen. Und auch wenn uns heute beim Blick auf den Galgenberg die Windräder stören – so ist es wohl trotz aller berechtigter Kritikpunkte das kleinere Übel. Windräder nutzen eine unerschöpfliche Energiequelle ohne sie zu verbrauchen und produzieren keine Abfallstoffe. Vorsichtig ausgedrückt nähern sich die Anlagen der Wirtschaftlichkeit und die Weiterentwicklung dieser Technologie wird es in absehbarer Zeit wirtschaftlich werden lassen. Dies geschieht nur, weil man die Anlagen gebaut hat. Hätte man das nicht, bestünde an einer Weiterentwicklung auch kein Interesse und diese Chance der sauberen Energiegewinnung wäre von vornherein vertan gewesen. Im Sinne unserer Zukunft und der unserer Kinder dürfen wir uns nicht an Nebensächlichkeiten zerreiben und sehenden Auges, alle Warnungen ignorierend, der Zerstörung unserer Lebensbedingungen entgegensteuern. Winfried Lind
MITTELBUCHEN-ONLINE:  Winfried Lind, info@mittelbuchen-online.de, Tel. 06181-939268